Onkologische Trainingstherapie (OTT): Wie Bewegung Menschen mit Krebs unterstützt
- Johann Anton
- 10. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Vor, während und nach der Krebstherapie

Die Onkologische Trainingstherapie (OTT) gewinnt zunehmend Bedeutung. In den vergangenen Jahren ist das Wissen darüber stark gewachsen, wie gezielte Bewegung Nebenwirkungen der Krebstherapie lindern und die Rehabilitation unterstützen kann. Viele Studien belegen: Bewegung kann Depressionen, Fatigue, Schlafstörungen, Gewichtsverlust und weitere therapiebedingte Beschwerden nachweislich positiv beeinflussen.
Mit der OTT gibt es erstmals ein deutschlandweit einheitliches Bewegungskonzept, das wissenschaftlich fundiert ist und von der Diagnosestellung bis zur vollständigen Rehabilitation eingesetzt werden kann.
Was ist die Onkologische Trainingstherapie (OTT)?
Die OTT ist ein therapeutisch begleitetes Trainingsprogramm speziell für Menschen mit Krebs. Sie kombiniert:
Krafttraining
Ausdauertraining
Vibrations- und Sensomotoriktraining
Ziel ist es, die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen, Nebenwirkungen zu reduzieren und Betroffene durch alle Phasen der Krebstherapie zu begleiten.
Bewegung senkt das Risiko, an Krebs zu erkranken
Eine große Analyse von 45 systematischen Übersichtsarbeiten zeigt: Menschen, die körperlich aktiv sind, haben ein erheblich geringeres Risiko, einige häufige Krebsarten zu entwickeln.
Die aktivsten Gruppen hatten:
20 % weniger Brustkrebs
20 % weniger Endometriumkrebs
20 % weniger Darmkrebs
sowie ein klar reduziertes Lungenkrebsrisiko
Für Schilddrüsen- und Rektumkarzinome bestand dagegen kein Zusammenhang.
Eine zweite Auswertung zeigt: Bei neun von zehn Krebsarten ist höhere körperliche Aktivität mit einem geringeren Erkrankungsrisiko verbunden.
Wichtig für Patient:innen: Der größte Nutzen entsteht oft schon, wenn man von „keine Bewegung“ zu „ein wenig Bewegung“ wechselt. Kleine Schritte haben große Wirkung.
Bewegung und das Risiko eines Rezidivs
Nach einer abgeschlossenen Krebstherapie bleibt für viele Betroffene die Angst vor einem Rückfall präsent. Studien geben hier wichtige Hinweise:
9 Beobachtungsstudien untersuchten den Zusammenhang zwischen Aktivität und Rezidivrisiko.
In 4 dieser Studien hatten körperlich aktivere Menschen ein signifikant geringeres Rückfallrisiko.
Kein einziger Befund deutete darauf hin, dass Bewegung das Risiko erhöht.
Bewegung ist damit ein sicherer, relevanter Bestandteil der Nachsorge.
Bewegung verlängert das Leben – auch nach der Diagnose
Die Sterblichkeit ist besonders gut untersucht. 23 Studien zu Brust-, Darm- und Prostatakrebs zeigen übereinstimmend:
Die aktivsten Patient:innen hatten eine rund 30 % geringere krebsspezifische Sterblichkeit.
Die allgemeine Sterblichkeit war sogar noch stärker reduziert:
38 % bei Darmkrebs
41 % bei Brustkrebs
45 % bei Prostatakrebs
Weitere Untersuchungen fanden ähnliche Ergebnisse bei Lymphomen, Hirntumoren oder Magenkarzinomen.
Ein besonders relevanter Befund ist die L-förmige Dosis-Wirkungs-Kurve: Bereits geringe Bewegung bringt den größten Vorteil. Mehr Bewegung hilft weiter, aber irgendwann wird ein Plateau erreicht – ungefähr bei 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche.
Was bedeuten diese Daten für Patient:innen?
Auch wenn viele Studien keine absolute Ursache-Wirkung beweisen können, gilt:
In keiner Studie hatte Bewegung negative Auswirkungen.
Im schlechtesten Fall verbessert Bewegung:
Lebensqualität
Kraft
Fatigue
Schlaf
Nebenwirkungen der Therapie
Im besten Fall kann sie außerdem:
das Erkrankungsrisiko senken
das Rückfallrisiko reduzieren
die Überlebenschancen erhöhen
Einordnung der Daten: Chancen, aber auch Grenzen
Die bisherigen Studien zeigen klare und konsistente Zusammenhänge, lassen jedoch keine endgültigen Aussagen über Ursachen und Wirkungen zu.Bewegung könnte beispielsweise auch ein Hinweis auf den allgemeinen Gesundheitszustand sein – Menschen, denen es schlechter geht, bewegen sich oft weniger.
Trotz dieser Einschränkungen gilt ein zentraler Punkt:
In keiner der untersuchten Studien war körperliche Aktivität mit schlechteren Ergebnissen verbunden.
Im ungünstigsten Fall verbessert Bewegung „nur“ Lebensqualität, Kraft, Fatigue und verschiedene Nebenwirkungen. Im günstigsten Fall trägt sie dazu bei, Risiken zu senken und die Überlebenschancen zu verbessern.
Wie kann Bewegung in der Krebstherapie konkret eingesetzt werden?
OTT - in der Physiotherapie
Das Bewegungskonzept der OTT verbindet gezieltes Kraft- und Ausdauertraining an modernen Geräten mit Vibrations- und sensomotorischen Übungen. Diese Trainingsformen greifen genau dort an, wo onkologische Therapien den Körper besonders belasten. Chemotherapie, Bestrahlung, Hormon- oder Immuntherapien können die Muskulatur schwächen, die Ausdauer reduzieren und das gesamte körperliche Leistungsvermögen beeinträchtigen. Hinzu kommt, dass viele Patient:innen während der Behandlung weniger aktiv sind, was diese Veränderungen zusätzlich verstärkt.
Die OTT setzt in jeder Phase des Heilungsprozesses an diesen Mechanismen an. Durch individuell dosierte Trainingsreize lässt sich die Abwärtsspirale aus Inaktivität und Therapienebenwirkungen durchbrechen. Bewegungsimpulse verbessern die Muskelkraft, stabilisieren die Oberflächen- und Tiefensensibilität und unterstützen das Zusammenspiel von Nerven und Muskulatur. Auf diese Weise können Beschwerden wie Kontinenzprobleme, Sensibilitätsstörungen oder Störungen des Lymphabflusses gezielt reduziert werden.
OTT-zertifizierte Therapeut:innen sind speziell geschult, die individuellen Einschränkungen der Betroffenen präzise zu erkennen und im Training zu berücksichtigen. So entsteht ein sicherer Rahmen, der körperliche Fähigkeiten stärkt und die Rehabilitation nach einer onkologischen Therapie wirkungsvoll unterstützt. Gleichzeitig profitieren viele Patient:innen vom Austausch in kleinen Gruppen, in denen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen gemeinsam trainieren und Schritt für Schritt Sicherheit und Stärke für ihren Alltag zurückgewinnen.
Aktuelle Forschung zur OTT
Die wissenschaftliche Arbeit zu Bewegung und Krebs entwickelt sich dynamisch weiter.Aktuelle Studien untersuchen:
Wie Ausdauertraining während der Chemotherapie die Fitness und Lebensqualität beeinflusst
Wie intensives Intervalltraining spezifische Brustkrebsformen betrifft
Wie sich die Erkenntnisse aus der OTT-Forschung optimal in der Praxis umsetzen lassen
Einige Studien suchen derzeit noch Teilnehmer:innen – ein Zeichen dafür, wie aktiv dieses Forschungsfeld ist. https://cio.uk-koeln.de/leben-mit-krebs/bewegung/studien-und-publikationen/
Unsere persönliche Geschichte
Unsere Verbindung zur OTT begann mit einer Patientin, die selbst als Krankenschwester in der Onkologie arbeitet. Sie erzählte uns, wie oft sie in ihrem Klinikalltag beobachtet, dass Patient:innen, die körperlich aktiv sind, ihre Therapie besser bewältigen.
Diese Erfahrung berührte uns sehr und weckte unser Interesse an der wissenschaftlichen Grundlage. So stießen wir auf die Onkologische Trainingstherapie und waren überzeugt, dass der Therapiepunkt Köln das unterstützen möchte.
Fabian absolvierte die Ausbildung zum OTT-Therapeuten – und heute sind wir dankbar und stolz, onkologische Patient:innen auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. Mit einem Konzept, das wirkt. Mit Training, das Hoffnung gibt. Mit einem Raum, in dem Menschen zurück in ihre Kraft finden.
Wenn Sie herausfinden möchten, wie die OTT Sie während oder nach einer Krebstherapie unterstützen kann, beraten wir Sie gerne persönlich.
Jetzt Termin im Therapiepunkt vereinbaren und den ersten Schritt gehen. Wir sind an Ihrer Seite – von Anfang an.




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